Lebensgeschichten

April 18, 2017

Ich möchte die Geschichte eines Kollegen namens Sam erzählen, die mich sehr berührt und inspiriert hat. Sie erinnert mich an meinen eigenen Werdegang. Gleichzeitig ist sie auch ein Beispiel für ein „Zuhause“.

Sam stammt aus einem kleinen Dorf in einem Land in Vorderasien. Er kam mit 12 Jahren mit seinen Eltern in die Schweiz. Er bildete sich zum Facharzt aus und ist seit vielen Jahren auch als solcher tätig. Schon als Kind wollte er den Leuten zu Hause helfen und sie dabei unterstützen, ihr Leben in guter Weise zu gestalten.

Ausschlaggebend für Sams Berufswahl zum Arzt waren verschiedene Ereignisse, die er als Kleinkind in seinem Geburtsort erlebt hatte.

So lag die nächste Stadt, in der die Dorfbewohner einen Arzt besuchen konnten, über 200 km entfernt. Der Weg dorthin dauerte lange und führte mit einem Traktor über eine Schotterstrassen mit Löchern.

Ein einschneidendes Ereignis für Sam war, als die Mutter eines Schulkollegen mit dem Traktor tot zurückgebracht wurde. Man hatte die schwangere Frau nicht rechtzeitig in die Stadt bringen können.

Die Dorfbewohner trösteten sich mit dem Glauben an den „Willen Gottes“ und ans Schicksal. In den darauf folgenden Tagen machte die Geschichte über das Ereignis die Runde im Dorf. Dabei erfuhr man häufig sehr oberflächliche Dinge: wie die Frau ausgesehen hatte, wie sie mit dem Traktor über die Hügel gefahren worden war und wie viele Leute dabei gewesen waren.

Über die Grundproblematik der medizinischen oder sozialen Versorgung und über die fehlende Infrastruktur, über die Tragödie des Geschehenen wurde nicht gross diskutiert. Meistens wurden die Zustände einfach als „gegeben“ angenommen.

Gleichzeitig hörte man häufig Geschichten von jungen Männern, die modern angezogen aus den Grossstädten oder dem Ausland zurückkamen, wo sie gearbeitet und Geld verdient hatten.

Diese ausgewanderten jungen Männer erzählten von grossen Hochhäusern, Autofabriken, schönen Brücken, Autostrassen und über das pulsierende Leben in den Städten. Sie sprachen jedoch selten über die extremen Arbeitsbedingungen und Anpassungsschwierigkeiten, die sie dort erlebten.

Im alten „Zuhause“ war die Zeit stehen geblieben. Es bestand aus den zurückgebliebenen alten Menschen, den Frauen und Kindern, die die tägliche Arbeit auf dem Hof verrichteten, die Haustiere pflegten und ums Überleben kämpften.

Die Kinder warteten ungeduldig darauf, gross und selbständig zu werden, damit auch sie in den entfernten Städten oder in Europa arbeiten und ein reiches „Zuhause“ finden würden und so eines Tages zu einem erfolgreichen Erwachsenen werden könnten wie Sam.

Nicht allen Kindern war bewusst, dass der Verlust des eigenen „Zuhause“ mit einem grossen Risiko und einem hohem Preis verbunden war. Sie wussten nicht, ob das neue, weit entfernte „Zuhause“ besser sein würde als das bisherige. Dies hing häufig von Glück, Geschicklichkeit, Anpassungsfähigkeit und vielen anderen Umständen ab.

Es erstaunt, dass die Geschichten vieler Kinder dieser Regionen auch 40 Jahre später einen ähnlichen Verlauf nehmen, wenn auch mit anderen Protagonisten und anderen Namen.

Und es stimmt nachdenklich, wie viele Menschen genau in diesem Moment ein „Zuhause“ gewinnen und wie viele andere ihr „Zuhause“ verlieren. Wie viele Leute täglich auf die Welt kommen und andere weggehen. Es ist ein Kreislauf gleich einem Riesenrad, welcher die Leute andauernd auf seinen einzelnen Sesseln mitnimmt und wieder los lässt. Die einen können den ganzen Kreis mitmachen und wieder aussteigen, die anderen fallen während der Fahrt aus dem Riesenrad. Alle haben eine bestimmte, endgültige Zeit auf diesem Riesenrad. Dies spiegelt die Lebenszeit wider.

Sam sagte mir eines Tages: „Die meisten Leute fragen sich, was sie in ihrem Leben erreichen wollen. Aber wenige Leute stellen sich die Frage, was das Leben von ihnen will oder was sie dem Leben geben können“. Weiter beschäftigten ihn auch die alten philosophischen Gedanken wie „Essen um zu leben, oder Leben um zu essen. Leben für die Arbeit oder arbeiten um zu leben. Ei oder Huhn, Zuhause um zu leben oder Leben fürs „Zuhause“.

Sam fragte sich, ob sich seine Ideale aus der Kindheit so verwirklichten hatten wie er ursprünglich erhofft hatte. Er kann vielen Leuten in seinem neuen „Zuhause“ helfen. Er kann sein Leben und das Leben seiner Familie gut gestalten. Sam, der schon lange von seinem alten „Zuhause“ weg ist, kann jedoch seine dortigen Leute nur bedingt unterstützen. Die gemeinsamen Ziele haben sich im Laufe der Zeit stetig verändert.

Der Begriff „Zuhause“ bleibt ambivalent. Ihm haftet ein zwiespältiges Gefühl an gleich einem Zustand zwischen zwei Welten mit vielen Widersprüchen. Die Frage nach dem „Zuhause“ wird diese Menschen bis zum Tod und sogar noch darüber hinaus begleiten.

Viele fragen sich: „Wo möchte ich beerdigt werden? Wo kann ich mit meinem Grab näher an meinem Glauben und bei meinen Lieben sein?“ Das endgültige „Zuhause“ jedoch bleibt ambivalent und gespalten.

Im Normalfall darf man nicht in der Mitte zwischen Geburtsort und Sterbeort begraben werden. Man muss einen dieser Orte auswählen. Je nach dem, wo die Verwandten und Freunde leben, wird der gewählte Friedhof dem einen oder anderen zu nah oder zu weit entfernt sein.

Man kann es auch nach dem Tod mit seinem ausgewählten „Zuhause“ nicht allen recht machen oder mit ihnen eine gute Nachbarschaft haben. Auch im Jenseits bleibt das „Zuhause“ ungewiss, ob man im Himmel oder anderswo einen Platz findet, ob man seinen Leuten nahe oder weit entfernt ist.

In diesem Zusammenhang erinnere ich an einen Ausspruch von Albert Schweitzer. Er sagte, es sei ihm egal, wo man ihn begrabe, denn „überall ist Gottes Erde“.

Zudem möchte ich auf die Todesanzeige einer Frau hinweisen, die die Anzeige offenbar selbst aufgesetzt hatte: „Es hat mich schon immer interessiert, wie es „drüben“ aussieht und zu und her geht. Jetzt weiss ich es (oder auch nicht)“.

Ein anderer Bekannte schrieb auf seinem Grabstein: „Ich habe keine Angst vor Gott, weil ich nichts vor Gott zu fürchten habe und weil ich Gott liebe“.

Das „Zuhause“ im Laufe des Lebens ändert sich. „Die einzigen Konstanten sind die Veränderung und der Wandel,“ sagte eine Bekannte von mir. Sie kam als Zwilling 1947 mit einem Kaiserschnitt zur Welt. Ihre Eltern lebten in den Bergen. Die schwangere Mutter war krank. Sie musste mit Hilfe von Männern und Tieren in die Stadt transportiert werden. Dort konnte sie mit einer schwierigen Operation knapp gerettet werden. Der Vater war sehr überrascht, dass ausgerechnet zwei kleine Töchter als Frühgeburten mit 8 Monaten auf die Welt kamen. Er sagte zum Doktor: „Diese winzigen Kreaturen werden niemals überleben.“ Daraufhin antwortete der Arzt: „Diese Kleinen wollen leben, sonst wären sie unter diesen Umständen schon gestorben.“

Als die Mädchen 5 Jahre alt waren, starb die Mutter an Brustkrebs. Die beiden Mädchen fühlten sich in dem sehr kleinen Dorf zwischen zwei mächtigen Bergen verloren. Der verzweifelte Vater wusste nicht mehr weiter. Zudem waren die Arbeitsbedingungen auf dem Hof extrem schwierig, da das ganze Land sehr steil und abschüssig gelegen und keine maschinelle Unterstützung oder fremden Arbeitskräfte vorhanden waren.

Die Zwillingsschwestern waren schmerzlich gezwungen, anderswo ein neues „zu Hause“ finden. Sie wurden sehr schnell von zwei verschiedenen Familien in den Nachbardörfern adoptiert. In den folgenden Jahren wurden sie vor allem als „Arbeitskräfte“ benützt.

Trotzt starkem Lebenswillen starb eine Zwillingschwester wie ihre Mutter mit 49 Jahren an Brustkrebs. Sie hatte ein sehr schwieriges „Zuhause“ gehabt. Sie hatte sich nie richtig als Mitglied der Familie akzeptiert gefühlt, sondern sich als „Dienstmagd“ erlebt.

Da sie nie ein sicheres „Zuhause“ gehabt hatte, lebte sie in ständiger Angst und Unruhe wie eine gespannte Saite. Richtige Entspannung kannte sie nicht. Sie hatte immer das Gefühl, es könnte jederzeit etwas passieren. Jedes kleine ungewohnte Geräusch oder ein unbekannter Duft machten sie noch unsicherer. Sie hatte das Gefühl, in einem „Nest“ zu leben, in welchem alles dem Zufall überlassen war. Jedes Mal, wenn sie einen kleinen Vogel sah, dachte sie: „Oh mein Gott, wie überlebt er, ohne dass die anderen grösseren Vögel ihn fressen?“

Ihre Ängste, Verunsicherungen und ihre Verzweiflung überbrückte sie mit viel Arbeit. Sie war eine sehr tüchtige Fabrikmitarbeiterin. Sie ging praktisch nie nach Hause, bevor ihr Vorgesetzter den Arbeitsplatz verlassen hatte. In ihrer freien Zeit beschäftigte sie sich mit Putzen und Nähen. Sie entwickelte im Laufe der Zeit einen schweren „Waschzwang“. Sie musste unzählige Male die Hände waschen oder immer wieder duschen. Erst als sie an Brustkrebst erkrankte, entschloss sie sich, eine Psychotherapie zu beginnen. Sie war sehr froh, dass sie ihre Lebensgeschichte und ihr „Zuhause“ endlich mit einer anderen Optik betrachten und aufarbeiten konnte. Eines Tages sagte sie, dass sie ihr „Zuhause“ jetzt ohne Angst wechseln könne und schlief danach endgültig und friedlich ein.

Die andere Zwillingsschwester wuchs auf einem Hof mit vielen Menschen und Tieren auf. Vom Morgen bis zum späten Abend war der Küchentisch praktisch immer mit Leuten vom Hof, mit Besuchern und Gästen besetzt.

Die Kinder spielten den ganzen Tag. Die Katzen, Hunde, Hähne und Hühnchen machten dabei mit. Das Zuhause war ein grosser, lebendiger Hof mit viel Freude und auch mit Leid.

Immer wieder wurde entweder eine Person oder ein Tier krank oder verunfallte. Einen Arzt oder einen Veterinär beizuziehen war sehr kostspielig. Auch waren sie weit weg. Die medizinische Versorgung wurde durch eigene Leute und mit rudimentären Mitteln vorgenommen. Nur bei sehr schweren Fällen kam professionelle Hilfe in Frage.

Häufig überlebten die Menschen oder Tiere in diesen Dörfern nur durch Zufall oder ihren starken Lebenswillen.

Eines Tages fiel ein ca. 8-jähriges Kind von einem jungen Pferd und zog sich dabei einen Armbruch zu. Dieser wurde von einem Mann mit Holzstöcken als Ersatz für eine Gipsschiene ruhiggestellt. Der Mann hatte früher im Militärdienst in der Sanität gearbeitet und später die Leute des Dorfes und der Umgebung behandelt. Als der Knabe weiterhin tagelang über Schmerzen am Arm klagte und weinte, wurde ihm gesagt, dass der Schmerz durch den Bruch verursacht worden sei und er Geduld haben müsse, bis es heile.

Als er es nicht mehr aushielt, wurde er endlich in die Stadt ins Spital gebracht, wo der Arm notfallmässig wegen Gangrän amputiert werden musste. Der arme Junge lebte fortan nur mit einem Arm. Er war sein Leben lang traurig und frustriert, dass man ihn nicht ernst genommen und frühzeitig behandelt hatte.

Der junge, im Inneren tief verletzte Mann konnte zudem keinen Beruf lernen und nicht einmal die Sekundarschule abschliessen. Er war ein rebellierender Teenager und versuchte immer wieder, an seine Grenzen zu kommen, denn er war der Meinung, dass er nichts mehr zu verlieren hatte.

Seine Eltern waren der Überzeugung, dass er nach seiner Heirat und wenn er Kinder bekomme, ein verantwortungsvoller, ruhiger Mann werden würde. Er liess sich jedoch scheiden, nachdem sein zweites Kind auf die Welt gekommen war.

Erst durch seine zweite Ehe begann er, seinem Leben einen Sinn zu geben und seine Familie zu lieben. Der verlorene Arm spielte in seinem Leben keine grosse Rolle mehr. Seine rechte Hand und der rechte Arm kompensierten für ihn auch die fehlende linke Seite.

Je älter er wurde, desto vorsichtiger und ängstlicher wurde er. Als seine Kinder frei laufen konnten, mahnte er sie häufig: „Hey, Achtung, nicht so schnell rennen, nicht herumspringen, nicht streiten oder reiten!“ Er rannte sofort zu den Kindern, wenn er eine Verletzungsgefahr vermutete. „Die Klugen schützen sich“, sagte er und besonders „die klugen Köpfe schützen sich.“ Damit meinte er, dass man beim Velofahren oder Reiten den Helm unbedingt tragen sollte. Auch bei Krankheiten war er sehr vorsichtig geworden. Sobald ein Kind Fieber hatte oder leicht krank war, wollte er das Kind sofort zum Arzt bringen.

Seine zweite Ehefrau sagte: „Das Leben besteht aus Gefahren. Man muss damit leben lernen. Die Geburt meiner Kinder war auch sehr gefährlich, trotzdem habe ich drei Kinder geboren. Es ist viel wichtiger, dass die Kinder sich zu Hause geborgen und aufgehoben fühlen. Egal was passiert, es ist wichtig, dass wir Eltern für sie da sind, auch wenn sie mal etwas falsch gemacht haben.“

Daraufhin sagte der Mann: „ Du hast recht. Das Zuhause kann man nicht kaufen, man muss es selber aufbauen. Zuhause ist auch der Ort, wo das Herz seine Akzeptanz findet“.

Ihm wurde bewusst, dass er selber mit seinem verlorenen Arm so akzeptiert und angenommen wurde wie er war. Gegenseitige Unterstützung, Verständnis und Respekt waren nun das Motto seines Lebens.

Gerne möchte ich nun meinen Text mit einem Elfchen abrunden.

„Zuhause

Gemütlicher Ort

Mein Platz für

Geborgenheit, Lebensraum, Gefühle, Sonnenschein

Muss doch genug gross sein

Daheim“

„Vergangenheit ist Geschichte,

Zukunft ein Geheimnis,

und jeder Augenblick ein Geschenk“

 

Fortsetzung…

Sam und die Raststätte

Der Vater von Sam leidet an Prostatabeschwerden und muss sehr häufig Wasser lösen. Seit einiger Zeit reist er deshalb nicht mehr gerne, sondern bleibt lieber in der Nähe seiner Wohnung. Dort fühlt er sich sicher und geniesst seine freie Zeit seit seiner verdienten Pensionierung in Ruhe und Gelassenheit. Die Mutter von Sam ist eine geduldige Frau. Sie lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen.

Sam arbeitet in einer Stadt, die ca. 300 km vom Wohnort der Eltern entfernt ist. Er hat einen sehr wichtigen Anlass, und die Eltern müssen dabei sein.

Nach langem Überlegen und aus Liebe zu ihrem Sohn haben sich die Eltern entschlossen, die lange Reise mit dem Auto auf sich zu nehmen. Sie sind sich nicht gewöhnt, mit dem öffentlichen Verkehr zu reisen. Mit dem Zug oder Bus wäre für sie alles noch komplizierter. Und schliesslich sind sie diesen Weg in den vergangenen Jahren x-mal gefahren. Es gibt zudem gute Autobahnraststätten.

Aber mit etwas haben sie nicht gerechnet.

Nach ca. 100 km muss der Vater seine gefühlt volle Blase entleeren. Weil er sich von früher auskennt, findet er die Toilette schnell an der Autobahnraststätte. Anders ist nun aber, dass er für den Zutritt einen Franken oder einen Euro bei der Drehtür einwerfen muss.

Er hat leider keine Münze bei sich und rennt daher auf die andere Etage, wo die Einkaufswaren sind. Vor der Kasse wartet eine lange Kolonne. Er muss sich, wie die anderen auch, in die Reihe stellen.

Der Harndrang macht sich immer stärker bemerkbar, und er kann ihn fast nicht mehr aushalten. Er versucht, die Kolonne zu überholen. Die Leute schauen ihn komisch an, es ist ihm aber egal.

Trotz seiner Eile sagt die Frau an der Kasse beim Tippen ohne aufzuschauen: „Sie können auch warten, wie die anderen“.

Er sagt: „Ich muss aufs WC.“

Sie sagt: „Sie können die Quittung vom WC bringen, und beim Einkaufen wird Ihnen diese rückvergütet.“

„Liebe Dame, ich möchte und muss hier nichts kaufen“, sagt er.

„Dann gehen Sie ins Restaurant. Dort können Sie etwas trinken und Ihre Quittung wird ebenfalls rückvergütet“, sagt sie.

„Ich muss Geld wechseln“, sagt er.

Die Frau entgegnet: „Wir sind hier keine Bank.“

Dann klingelt das Handy bei ihm und seine Frau sagt: „Wo bleibst du? Wie lange hast du noch?“

„Ich kann nicht aufs WC. Ich brauche eine Münze.“

„Was für eine Münze? Seit wann ist das so?“, fragt sie ihn.

Fortsetzung folgt