Mehr als ein Spaziergang

November 28, 2018

Nach einer sehr strengen Woche in der Praxis nehme ich am Freitagabend mit meiner Frau den Zug. Wir sitzen in der Restaurantabteilung, trinken Tee und lesen Zeitschriften. Nach dreimaligem Umsteigen, zuletzt auf eine Zahnradbahn, kommen wir – nach Wochen erstmals wieder – in einem autofreien Dorf in den Bergen an.

Diesmal ist alles anders als an anderen Wochenenden. Es ist nämlich nicht mehr Hochsaison, sondern Zwischensaison zwischen Sommer und Winter. Es hat kaum mehr Leute hier, und die Läden sind am Wochenende nun geschlossen. Es herrscht eine ungewohnte Ruhe.
Auch das Wetter ist heute ungewöhnlich für diese Jahreszeit im November. Die Sonne strahlt kräftig, und es ist fast zu warm. Man kann im Polohemd spazieren gehen.

Auf der Terrasse hat sich eine Katze weit ausgebreitet, als ob die ganze Welt ihr gehören würde. Es ist ein herzerwärmender Anblick zu sehen, wie sie den Tag so richtig geniesst.

Jetzt stören keine Nachbarn, keine Leute, die ums Haus herumlaufen. Beim Frühstück auf der Terrasse geniessen wir den weiten, ruhigen Blick auf die Berge und atmen die frische Luft bewusst ganz tief ein.

Danach machen wir uns auf mit einem kleinen Rucksack voller Vorfreude auf eine Wanderung. Es kommt mir vor, wie wenn die gut beschrifteten Wanderwege für uns reserviert wären. Wir staunen besonders über die wunderschönen, gelb-orange gefärbten Blätter auf den Bäumen, die restlichen kleinen Rosen in den Gärten und die fliessenden Rinnsale in den kleinen Bächen.

Weiter oben treffen wir auf einen grossflächigen Bauernhof mit vielen Kühen auf einer abfallenden Wiese. Fast alle Kühe haben Hörner, einige sind zwar teilweise abgebrochen, aber nicht abgeschnitten.

Der junge Bauer, der vor dem Stall mit seinem Besen den Weg wischt, begrüsst uns herzlich, und auf unsere Bemerkung wegen der Hörner sagt er: «Ja, die Kühe sehen schöner und natürlicher aus mit Hörnern, aber sie brauchen mehr Platz im Stall». Der alte Bauer, welcher am Stock hinkend zu uns herankommt, betrachtet stolz seinen Hof und gibt uns zu verstehen, dass seine Zeit als Leistungserbringer in diesem Dorf dem Ende zugeht. Er hat nicht mehr die Kraft, aufgerichtet zu gehen.

Weiter vorne kommen wir zu einem Aussichtpunkt über das grosse Tal. Er wird auf beiden Seiten von zwei langgezogenen Bergketten und von Wäldern begrenzt. Wieder bewundern wir die satten Herbstfarben. In der Mitte des Tales blinkt ein langer Fluss. Weiter vorne breitet sich Hochnebel aus und bedeckt die darunterliegenden Städte.

An diesem Aussichtspunkt steht auf einer Holzbank geschrieben: «30 Jahre lang konnte ich diese Sicht geniessen. Danke!». Daraufhin sagte meine Frau: «So viel Zeit, um immer wieder hierher zu kommen, wird uns auch im besten Fall nicht geschenkt sein; wir geniessen lieber das Hier und Jetzt».

Auf der Holzbank sitzend beobachten wir, wie ein riesiger Baum seine Blätter verliert, wie die farbigen Blätter von einem sanften Wind getragen auf den Boden segeln und gleich Deltaflieger landen, manchmal dicht mit- und hintereinander, manchmal einzeln. Wir hören sogar das Rauschen der Blätter, wenn sie frei in der Luft schaukeln, losgelöst vom Mutterbaum und danach auf den Boden fallen.

Ein wunderschöner Moment im Leben des Herbstes, wo der Kreis sich von oben nach unten dreht, wie die halb trockenen Blätter mit der Erde verschmelzen. Dabei strahlt die Sonne durch die Äste und Blätter des riesigen, hochgewachsenen Baumes.

Weiter unten sehen wir das Dorf. Man könnte meinen, da gebe es keine Spur von Sorgen, Problemen, Leiden oder Krankheiten.

Dann laufen wir auf den schmalen Waldwegen weiter, mit Blick auf die spitzen, schneebedeckten Berge. Die Sonnenstrahlen, zwischen die Bäume fallend, begleiten uns.

Als wir auf eine andere grosse Wiese gelangen, treffen wir auf dem steilen Boden auf eine Gruppe von Steinböcken, junge und alte. Sie lassen sich von uns gar nicht stören, und nach einem kurzen Blick zu uns fressen sie ihr Gras ganz ruhig weiter.

Weiter unten, kaum zu glauben, begegnen uns wunderschöne Eichhörnchen. Sie kommen so nahe, dass wir uns gegenseitig tief in die Augen schauen können. Nach einem unvergesslichen Blick springen sie auf einen Baum weiter. Als ob sie auf uns gewartet und von uns Abschied genommen hätten.

Die Sonnenstrahlen und den Wind im Gesicht zu spüren, die verblassenden prächtigen Farben auf uns wirken zu lassen und die massiven, schneebedeckten Berge zu betrachten, bedeutet für uns, einen wunderbaren Augenblick des Lebens bewusst wahrzunehmen und uns darüber Gedanken zu machen.

Das ermöglicht uns, viel Energie für die kommenden Tage aufzutanken und unsern Praxisalltag besser zu bewältigen. Das hilft uns wiederum, den leidenden und kranken Patienten ein Stück Kraft weiterzugeben, ohne dass wir selber kraftlos bleiben.