Balance zwischen Passivismus und Aktivismus

Mai 7, 2019

Eine 65-jährige, biologisch viel älter aussehende Patientin kommt mit ihrem Ehemann zu mir in die Sprechstunde.

Wir möchten die letzten Befunde und Berichte von den Spezialisten gemeinsam besprechen. Kaum kommt die Patientin ins Sprechzimmer, klagt sie in sehr leiser Stimme über ihre Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich, über Rücken- und Fussbeschwerden, Einschlafen der Hände, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Schwächegefühl, Kraftlosigkeit und Sehstörungen, usw.

Der Rheumatologe, der Neurologe und der Augenarzt hätten bei ihr nichts finden können. Sie hätten ihr nur Medikamente gegeben, welche mehr Nebenwirkungen als Wirkungen gezeigt hätten. Zur Physiotherapeutin gehe sie auch nicht mehr. Diese habe nur ein paar Übungen gezeigt, welche sie sowieso nicht machen könne. Sie habe sie nicht einmal massiert.

Seit vielen Jahren leide sie praktisch im ganzen Körper unter Schmerzen, im Moment aber vor allem unter Schulterschmerzen rechts und Nackenschmerzen. Sie könne die Schulter nicht mehr hochheben. Und wenn sie ihre Kopfschmerzen nicht mehr hätte, wäre sie eine andere Person. Auch der Bauch und die Überblähung würden weh tun. Sie könne schon lange nicht mehr stuhlen. Sie esse nicht, aber habe trotzdem weiter an Gewicht zugenommen. Als ich die Patientin fragte, welche Schmerzen im Vordergrund stehen, antwortete sie mir: «Natürlich die Nacken-Schulter-Schmerzen rechts». Daraufhin fragte der Ehemann, ob man das nicht operieren und sie so endlich heilen könne.

«Aufgrund der vorliegenden Befunde besteht keine Indikation für eine Operation. Es handelt sich um Weichteilrheumatismus», sagte ich. «Ihre Frau muss sich mehr bewegen und Dinge unternehmen. Die passive Haltung zu Hause ist ungünstig», fügte ich hinzu.

Daraufhin sagte die Patientin: «Sehen Sie nicht, dass ich nicht gut gehen kann. Ich habe Fussbeschwerden, Knie- und Rückenschmerzen. Alles tut mir weh. Die Medikamente helfen mir auch nicht. Nur Gott weiss, was ich habe. Alle anderen verstehen mich seit Jahren nicht. Nur der liebe Gott kann mir sagen, wie es mit mir weiter geht. Alle anderen können mir sowieso nicht helfen».

Der Ehemann sagte dann: «Du erwartest Heilung. Aber was machst du dafür? Was ist dein Beitrag? Die anderen können dich nur unterstützen und dir helfen. Du musst deine inneren Kräfte endlich selbst mobilisieren, die Heilung anstreben, mehr am Tag für dich machen, spazieren gehen, laufen, etwas Schönes unternehmen. Seit Jahren höre ich von dir nur ‘Schmerzen, Schmerzen’, aber über schöne Dinge habe ich mit dir schon lange nicht mehr gesprochen.»

Ich war sehr überrascht, dass der Ehemann klar ausdrückte, was ich ihr eigentlich hätte sagen wollen.

Die Themen «Selbstverantwortung, Selbstbestimmung, Selbstheilungskräfte» sind grosse, wichtige Themen in der Praxis. Manchmal gelingt es mir, diese anzusprechen, die Leute aufzuklären und abzuholen, wo sie sind und sie zu motivieren, aktiv zu sein.

Manchmal aber ist es für mich sehr schwierig, eine Lösung des Problems von meiner Seite her anzustreben. Dann gelingt es mir kaum, etwas zu ändern. Die Problematik ist mit vielen anderen Einflussfaktoren wie Lebensgeschichte, Erziehung, Einstellung, Erwartungen und Lebensstil verbunden. Es gelingt mir nicht immer, mit solchen Situationen geduldig umzugehen und bisweilen auch zu akzeptieren, dass ich das ganze System nicht beeinflussen oder ändern kann.

Die Frage ist, wie die «Selbstheilungskräfte» zusammen mit den betroffenen Personen gesucht und mobilisiert, d.h. nutzbar gemacht werden können.
Häufig wird in der Arztpraxis von Krankheit gesprochen und wenig von Gesundheit. Es ist ja auch die Aufgabe des Arztes, Krankheiten zu bewältigen und Patienten soweit wie möglich zu heilen.

Anderseits gibt es keine Genesung ohne Gesundheit und ohne die Kraft der Selbstheilung. Der Mensch hat ein Jahrmillionen altes System, das den Körper vor Krankheitserregern schützt und falsch ablaufende Prozesse im Körper korrigiert.

Sobald der Mensch auf die Welt kommt, wissen Körper und Hirn, was zu tun ist, damit sie gesund bleiben. Wenn das Baby z. B. Hunger bekommt, schreit es sofort nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse. Im Laufe der Zeit, wenn das Kind heranwächst, wird es sich mehr und mehr anpassen: dem Elternhaus, der Schulklasse, dem Kulturkreis und der Zeit. Zur Unachtsamkeit gegenüber dem Körper kommen Schicksalsschläge, und der Körper wird vernachlässigt. Irgendwann äussert sich dieser mit Beschwerden, Schmerzen und durch Funktionsstörungen der Organe. Der Arzt muss nun den Schaden beheben. Eigentlich ist aber der Patient der Bauherr. Niemand weiss so viel über die eigene Situation wie der Patient selbst.

Der Theologe und Arzt Albert Schweitzer sagte: «Jeder Patient trägt seinen eigenen Arzt innerlich bei sich. Der Patient weiss das noch nicht und kommt zu uns. Das Beste und Wichtigste ist, diesem inneren Arzt im Patienten die Chance zu geben, aktiv zu werden.»

Der innere Arzt bekämpft nicht nur Krankheiten. Er kann auch präventiv dafür sorgen, dass diese gar nicht erst entstehen. Das tut er täglich, denn der Mensch ist jeden Tag Belastungen, Stress, Keimen und Viren ausgesetzt, die es auszugleichen gilt.

Wenn man im Laufe des Lebens vernichtende Niederlagen, Kontrollverlust oder Misshandlung erlebt hat, kann es sein, dass man zur Überzeugung gelangt, es gebe keinen Ausweg vor dem Unglück, und man müsse einfach alles hinnehmen, es komme ja sowieso, wie es wolle.
Zurück zu unserer Patientin: Sie meint, jede eigene Bemühung sei vollkommen zwecklos. Das kann als Erfahrung der eigenen Ohnmacht und Hilfslosigkeit angesehen werden.

Oftmals werden unbewusst körperliche Symptome produziert, um Konfliktsituationen aus dem Weg zu gehen. Die Konfliktvermeidung kann dabei so aussehen, dass ein Mensch Harn- und Stuhlinkontinenz entwickelt, was ihm unmöglich macht, das Haus zu verlassen. So muss er seinen unangenehmen und nicht geklärten Pflichten nicht nachgehen. Kopfschmerzen sind willkommen, weil sie in Streitsituationen Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Eine geschwächte Person mit chronischen Schmerzen kann z.B. auf Rücksicht aller Familienmitglieder hoffen. Das Ganze passiert unbewusst, also nicht als blosses vorgeschobenes Ereignis, sondern als real erlebtes Symptom.

Einige suchen ihr Lebensglück in anderen Menschen. Andere Menschen können aber nicht generell für das eigene Leben, das eigene Glück oder die eigene Gesundheit verantwortlich gemacht werden. Man muss sich von der Opferrolle befreien.

Als Arzt sollte man das Konzept der Salutogenese mit dem Patienten erarbeiten und in dessen Alltagsleben zu integrieren versuchen, z.B. mit folgenden Fragen:

  • Was macht mich glücklich und stark?
  • Was heisst Gesundheit, und was hält gesund?
  • Wann genau fühle ich mich leicht, glücklich und erfüllt?
  • Was muss sich ändern, damit ich die Sorgen und Lasten loslassen kann?

Vielleicht kann man sich so aus der erlernten Hilflosigkeit befreien.